04.08.12 15:55 Alter: 2 yrs
Politisches Theater: Mischung aus Komödie und Tragödie?!
Kategorie: Kommentare

Können wir hinter die Kulissen des politischen Theaters blicken? Jeder weiß, dass das Leben häufig eine Mischung aus Komödie und Tragödie ist. Aber dass auf der politischen Bühne eine Hauptakteurin eine würdelose, machthungrige und egoistische Hauptrolle im Gewand der Würde und Integrität spielen soll, ist kaum zu glauben; es wäre eine (fast) perfekte (Selbst-) Inszenierung und Machiavelli pur.

Für mich wäre es eine große Enttäuschung, da Werte wie Freiheit und Verantwortung, Gerechtigkeit und Solidarität, Menschlichkeit und Vertrauen nur noch eine untergeordnete Bedeutung spielten. Die Weltanschauung der Macht um jeden Preis oder eines Relativismus um den Preis der Glaubwürdigkeit würden triumphieren und noch Applaus bekommen.

Ist das politische Leben auf der Zentralbühne der Macht in Berlin tatsächlich nur noch ein großes Täuschungsmanöver? Sind Machterwerb und Machterhalt ohne Wertebindung, Karrieresucht und Erfolgssucht ohne ethische Orientierung und deshalb politische und charakterliche Rückgratverkrümmungen ohne Gewissensbisse wichtiger geworden als der klare Blick in den Spiegel, als persönliche und couragierte Verantwortung – vor Gott, vor dem Nächsten, vor dem Wähler, vor dem Rechtsstaat?

Aber auch eine solche Enttäuschung wäre die Befreiung einer Täuschung und eröffnete die Chance eines Neuanfanges. Spätestens wenn der Vorhang auf der Bühne des Lebens in zwei Teile zerreißt, wird man genauer sehen: Sowohl Verlogenheit und Heuchelei als auch Offenheit und Glaubwürdigkeit, allerdings auch verlogene Moralapostel und moralische Machtfiguren. Masken über Masken – und die Maskenträger, wo sind sie geblieben?

Auf dem Boden des Theaters allen Lebens liegen schon jetzt viele Masken. Und viele Gesichter flüchten und suchen Schutz, weil sie sich vor dem eigentlichen Regisseur des Lebens schämen, der jedem einzelnen Spieler Würde schenkt, auch wenn sie sich beim Maskenspiel würdelos verhalten. Er will kein Spielverderber sein, sondern im Spiel des Lebens Lebensdienlichkeit in Würde, Gerechtigkeit und echte Nachhaltigkeit für die Mitwelt und Nachwelt ermöglichen.

Doch wer weiter schlechtes politisches Theater spielt, verspielt die Chance, das Stück der wehrhaften und menschenfreundlichen Demokratie neu einzuüben. Nicht um das Ego mit dem Applaus der Zuschauer befriedigen zu wollen, sondern damit aus Zuschauern neue, glaubwürdige und innovative Mitspieler zum gegenseitigen Nutzen und zugunsten des Gemeinwohls werden, kann ein neues Stück die politische und menschliche Not wenden.

Keiner spielt perfekt. Keiner sollte sich zum Gesinnungspolizisten aufspielen. Aber alle sollten die Spielregeln des Anstandes und der Demokratie persönlich ernst nehmen, die sie

stets von den politischen Kanzeln herab und während der Pausen beim Theaterspiel preisen.

Burkhard Budde

Anmerkungen zum Artikel „Das System M“ von Gertrud Höhler, in: FAZ vom 3.8.2012