09.05.10 02:37 Alter: 120 days
"Marienstift leistet einen Liebesdienst."

Eine sehr positive Resonanz fand die Festpredigt des Landesbischofs Prof.Dr. Friedrich Weber am 9. Mai 2010 in der Theodor-Fliedner-Kirche anlässlich des 140. Jahrestages des Marienstiftes.

Text: 1. Korinther 13,3

„Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.“ 

Liebe Gemeinde!

Bei der Einweihung des Hauses „Siloah“  predigte Propst Thiele über diesen Vers.

Ja, noch war es Friedenszeit, wenn auch die Not angesichts der Industrialisierung und der damit einhergehenden Verunsicherungen vieler Bevölkerungsgruppen dramatisch waren. Wenig später schon begann der deutsch-französische Krieg und das Haus mußte einem seiner Gründungszwecke nachkommen, im Kriegsfall Lazarett zu sein.

 Ich will jetzt nicht die imponierende Entwicklung des 1871 mit dem Namen Marienstift versehenen Hauses beschreiben, sie ist gut nachlesbar in diesen Tagen veröffentlicht worden und macht deutlich, wie sich aus dem kleinen Beginn ein Krankenhaus und ein Altenpflegeheim sowie eine Fachschule entwickelt haben, die in ihrer Art unverwechselbar und aus der medizinischen und diakonischen Landschaft Braunschweigs nicht wegzudenken sind. Dass es in heutigen Zeiten in unserem Land dennoch mühsam ist, dies alles zu erhalten, wenn nötig zu verbessern und auszubauen, Konkurrenten standzuhalten und zugleich ein erkennbares Profil zu entwickeln, wissen wir alle. Darum möchte ich Ihnen, die Sie im Krankenhaus, im Altenpflegheim und der Fachschule arbeiten, als Pfleger und Schwestern, als Diakonissen, als Ärzte und Ärztinnen, Seelsorger und ehrenamtlich Tätige zunächst von Herzen danken für das, was Sie hier in hoher Verlässlichkeit und Zugewandtheit zu den Ihnen anvertrauten Menschen leisten.

Sie leisten einen Liebesdienst. So zumindest hat es die Gründergeneration gesehen.

Nicht umsonst stand am Anfang der Vers aus dem 1. Korintherbrief: „Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.“

Die Liebe also ist es, die alles bewegt. Die Liebe, die Himmelskraft. Nicht verrechenbar, geschenkt, dazu gelegt zu all den anderen Gaben, oder vielleicht richtiger: das Geheimnis in all den anderen Gaben.

Aber wie ist das? Ob man es wirklich schmecken kann, dass ein Essen mit Liebe zubereitet worden ist? Ob ein Pflegebedürftiger spürt, dass er mit Liebe betreut wird? Läßt erfahrene Liebe besser genesen? Und wie sieht Liebe zwischen Arzt und Patient eigentlich aus? Wie äußert sich die Liebe einer Mitarbeiterin im Reinigungsdienst oder sind diese Dienste nicht so wichtig?

Aber genug der Fragen, Sie hier im Marienstift werden sie im All- und Sonntag Ihres Lebens und Wirkens an diesem besonderen Ort beantworten. Nur ohne Antwort dürfen sie in einem christlichen Krankenhaus, einem christlichen Altenpflegeheim nicht sein. Das Kreuz an der Wand alleine beschreibt nur den Anspruch unter den man sich stellt. Zum Leben, zur Blüte kommt dieser Anspruch erst im Handeln.

Paulus formuliert drastisch, indem er sagt: All Euer Tun ist umsonst, auch wenn es von noch so hohem Einsatz geprägt ist, wenn es nicht Liebe spüren lässt. Und er behauptet, dass unsere Liebe etwas mit Gott zu tun hat.

Ernesto Cardenal, der lateinamerikanische Dichter, kann einmal sagen und damit diese Verbindung aufzeigen: "Ganz innen in uns wohnt die Liebe. Gott ist verrückt vor Liebe und daher ist sein Benehmen nicht vorhersehbar. Und auch der Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen, ist nichts als Liebe. Im gleichen Augenblick in dem der Mensch zu einem vernunftbegabten Leben erwacht, merkt er, daß sein ganzes Leben nichts als Wunsch, Leidenschaft, Hunger und Durst nach Liebe ist.  Gottes und unsere Liebe ist gleich. Sie bedrängt uns wie ein Durst, den wir nie stillen können. Gott braucht den Menschen nicht, um glücklich zu sein, und doch liebt er ihn so, als ob er ohne ihn ewig unglücklich wäre."(Das Buch von der Liebe, Bd.4, Wuppertal 1985)

In unserer Liebe spiegelt sich die Liebe Gottes wieder. Im Lieben ahnen wir, daß wir nicht in den nach außen gerichteten, uns oft genug entstellenden Aktivitäten unseres Lebens Glück finden. Das Glück muß in dem zu finden sein, das hinter allem Wandelbaren und Zeitlichen als Grund bleibt.

Nicht kurzschlüssig will ich nun den Grund nennen, der nach dem Zeugnis des Neuen Testaments in allem Zeitlichen als vor, in und über alle Zeit hinaus bleibend bekannt wird: "Glaube, Hoffnung, Liebe, drei Gaben aus Gottes Fülle, deren größte die Liebe ist."

Glaube, Hoffnung und Liebe - göttlich Gaben für das Leben auf dieser Erde, uns geschenkt.

Wenn Paulus in seinem "Hohen Lied der Liebe" im 1. Korinther 13 diese Gabe entfaltet, wenn er davon spricht, daß die Liebe langmütig und gütig ist, daß sie sich nicht ereifert und prahlt, nicht ihren Vorteil sucht und das Böse nicht nachträgt, dann hat er die persongewordene Liebe Gottes, dann hat er Jesus Christus vor Augen.

Sein Weg in dieser Welt, seine Art mit Menschen umzugehen, seine Liebe in allem, seine Hoffnung und sein gläubiges Vertrauen sind für Paulus bleibender Ausdruck der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Um diese uns geschenkte Liebe geht es. Sie stärkt uns, sie gibt uns Selbstwertgefühl, sie lässt auch Mühsal ertragen und sie will weitergegeben werden. Und sie wird weitergegeben, im Marienstift und sicher auch durch vom Glauben bewegte Menschen in kommunalen Einrichtungen.

Sie, liebe Menschen des Marienstifts haben eine auf Ihre Situation und unsere Zeit passende Übersetzung des mit dem Pauluswort Gemeinten vorgenommen. Auf der Titelseite der Festschrift zum Jubiläum stehen die Worte: 

Vertrauen – Verantwortung – Leidenschaft 

Vertrauen muß man wagen. Sie kennen den Satz: Kontrolle ist gut – Vertrauen ist besser! Wir alle wissen, aus dem Vertrauen wachsen neue Kräfte.  

Verantwortung bekommt man übertragen, aber man muß sie auch übernehmen.

Und dann denkt man mitunter „Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein sichtbares Zeichen geben, das einem hilft. Aber dies ist eben sein Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen und dulden lässt.“ (J. Klepper)

Von der Leidenschaft sagt Marie von Ebner-Eschenbach: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Ein anderer sagt: „Liebe kann weh tun, denn sie verlangt Opfer. Liebe und Leid haben etwas miteinander zu tun. Und mancher würde sich viel Leiden ersparen, wenn er aufhörte zu lieben.“

Aber das ist alles nicht mit der Leidenschaft der Liebe gemeint.

Es ist vielmehr der leidenschaftliche Einsatz für jeden einzelnen Menschen, der Ihnen anvertraut ist, die Einsicht in den  unendlichen Wert eines jeden Menschen, der hier auf Pflege und Heilung hofft, der hier im Frieden sterben möchte. Sie ist konkurrenzlos. Denn sie kommt nicht aus irgendwelchen schnell vergehenden Einfällen. Sie kommt aus einem „Backofen voller Liebe“, wie Luther Gott genannt hat. In dem geht das Feuer nicht aus. 

Gott segne Sie mit seinem Feuer.  

Amen