29.03.10 19:03 Alter: 160 days
Dr. Peter Bosse: Braunschweig braucht auch in Zukunft das Marienstift

In der neuesten Ausgabe des "doppelpunktes" sind anlässlich des 140. Jahresfestes des Marienstiftes in diesem Jahr Stimmen über die Zukunft des Marienstiftes veröffentlicht. Der Stiftungsratsvorsitzende, Präsident des Landgerichtes a.D. Dr. Peter Bosse, meint: Profil ist ein "Kompass für das Miteinander.

Kompass für das Miteinander

Von  Dr. Peter Bosse, Vorsitzender des Stiftungsrates

Zu dieser Frage die erbetene“ kurze Stellungnahme“ abzugeben, fällt  nicht leicht, zumal vorausgesetzt wird, was erst darzulegen wäre, dass eben Braunschweig das Marienstift braucht. Die Mitglieder der Leitungsgremien und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Marienstiftes werden verständlicherweise dieser Meinung sein, zumal eine Institution, die in diesem Jahr ihr 140. Gründungsjubiläum begeht, auf eine hohe Akzeptanz und ein langjährig segensreiches Wirken in Braunschweig verweisen kann, auf Umstände also, die auch für die Zukunft nicht ganz unbegründet Gutes für die Menschen unserer Region erwarten lassen.

Bei nüchterner Betrachtung wird aber der Blick zurück keine ausreichende Legitimation für einen wünschenswerten oder gar notwendigen Fortbestand des Marienstifts liefern. Als ein relativ kleines Unternehmen steht das Marienstift im Wettbewerb mit kommunalen, staatlichen und privaten Einrichtungen, die das gleiche Leistungsspektrum anbieten. Zwingen nicht die zunehmend schwierigen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen und in der Altenpflege zu Konzentration, Rationalisierung, Effizienssteigerung und hohen Investitionen, die in größeren Einheiten wirtschaftlich und organisatorisch leichter zu realisieren sind? – Möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass dies so ist. Wo aber die Grenzen einer ökonomischen Gesetzen Rechnung tragenden Konzentration zu ziehen sind, ist schwer zu sagen und wohl kaum generell zu entscheiden.

Soviel scheint mir allerdings sicher: Wenn das Marienstift sein Leistungsangebot fachlich nicht mehr auf dem Qualitätsniveau erbringen könnte, das allgemeiner Standard ist, sähe es schlecht um seine Zukunft aus. Deshalb wird wie bisher in weiser Selbstbeschränkung nur  angeboten werden können, was andere nicht besser oder sogar weniger gut machen.

Eine Antwort auf die Frage, ob das Marienstift gebraucht wird, finde ich am ehesten, wenn ich in die Betrachtung einbeziehe, dass das Marienstift eine evangelisch-lutherische, diakonische Einrichtung ist, die ihre Aufgaben im Dienst an Kranken, Alten und Behinderten auf der Basis des christlichen Glaubens wahrnimmt, gestützt auf ein christliches Menschenbild. Hieraus folgen nicht nur für das Handeln in den pflegerischen und den medizinischen Bereichen die ethischen Maßstäbe, sondern das spezielle konfessionelle Profil ist auch der Kompass für das Miteinander aller Dienstleistenden und für zielführende Leitungsstrukturen. Dies herauszustreichen, ist keine überhebliche Geringschätzung anderer Einrichtungen und Häuser, die sich der Kranken- und Altenpflege mit großem Einsatz und hoher Kompetenz widmen; denn auch sie stellen ihre Tätigkeit unter Leitbilder wie „Menschlichkeit“, „Wahrung der Menschenwürde“, „soziales Verhalten“. Über den umfassendsten Kanon ethischer Maßstäbe für das menschliche Verhalten verfügen jedoch wohl die Konfessionen; und die Diakonie als Wesens- und Lebensäußerung der Evangelischen Kirche hat eine Jahrhunderte lange Erfahrung in der Konkretisierung dieser Richtschnur für den Dienst an Alten, Kranken und Behinderten. Dieser Fundus wird auch in Zukunft eine nicht geringe Hilfe für die Lösung der Probleme im Gesundheits- und Pflegebereich bieten. Auf diesen speziellen Ansatz zu verzichten, wäre leichtfertig.

Ein weiterer Gesichtspunkt scheint mir wichtig: Alle guten Vorsätze sind nur etwas wert, wenn sie auch umgesetzt werden. Die hohen ethischen Ansprüchen gerecht werdende Arbeit der Behandlung und Betreuung kranker und alter Menschen erfordert oft mehr, als Menschen meinen leisten zu können. Auf dem Boden des christlichen Glaubens Stehenden, die in konfessionellen Einrichtungen vorzugsweise tätig sind, wachsen Kräfte zu, die helfen werden,  die Sinnhaftigkeit des eigenen Bemühens zu erkennen und die mit ihrer schweren und verantwortungsvollen Arbeit verbundenen Lasten zu tragen. 

Ich komme zum Schluss: Braunschweig braucht auch in Zukunft das Marienstift. In seinem Wirken möge dies für weite Kreise deutlich bleiben!