Keine generelle Schelte – Gedanken zur Wirtschaftskrise
Von Prof. Dr. Ulrich Seiffert, stv. Stiftungsratsvorsitzender
Die weltweite Wirtschaftskrise hat in ihrer Dimension alle überrascht. Die Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft waren und sind noch immens groß. Im Vergleich zu den Krisen in der jüngeren Vergangenheit sind die Ursachen auch von einer anderen Größenordnung. Ausgelöst von der Bankenkrise in den USA wurden weltweit zahlreiche andere Banken erfasst und als Folge verloren die unterschiedlichsten Institutionen ( Banken, Unternehmen, soziale Einrichtungen, Kommunen und private Anleger) ihr Vermögen. Dies führt u.a. dazu, dass die Firmen sehr viel schwerer ihre Bankdarlehn erhalten bzw. der finanzielle Aufwand dafür sehr groß ist. Auch die durch die Krise entstandene Kaufzurückhaltung hat dazu geführt, dass einzelne Unternehmen im Jahr 2009 einen Umsatzrückgang von bis zu 80 Prozent bewältigen mussten. Noch schlimmer in meinen Augen ist der Vertrauensverlust der Anleger in die Seriosität und die Kompetenz der Banken und ihrer Mitarbeiter. Dies gilt auch für den Vorwurf, dass die Anleger selbst ohne große Arbeit eine Vermehrung ihres Vermögens erzielen wollten. Interessanterweise haben fast alle Bevölkerungsgruppen das Risiko nicht gescheut. Auch kirchliche Einrichtungen waren betroffen. Eine Wertung - wer ist mehr zu verurteilen: der Verführer oder der Verführte - möchte ich hier nicht vornehmen. Jedes Angebot, was extreme Renditen verspricht, sollte mehr als kritisch hinterfragt werden. Besonders negativ empfanden die Anleger die Honorierung der obersten Führungsebene bei den Banken. Die Liste der Probleme lässt sich fast beliebig erweitern.
Auf der anderen Seite gibt jede Krise, deren Ursache erkannt und akzeptiert wird, auch eine Chance zum Neuanfang. Dazu muss jeder Einzelne beitragen. Wie klein ist doch der finanzielle Verlust im Vergleich zu Naturkatastrophen, Kriegen und Diktaturen. Wir müssen auch akzeptieren, dass das Wachstum aus dieser Krise heraus wesentlich langsamer als bei den vorhergehenden Krisen sein wird.
Die wirtschaftliche Stabilität ist davon abhängig, dass die Dienstleistung, die vollbracht wird und das Produkt, welches hergestellt wird, Abnehmer und Käufer findet. Die Politik muss die entsprechenden Rahmenbedingungen setzen und die Banken eine realistische Finanzierung ermöglichen. Im Klartext gesprochen:
Nur über eine Steigerung der Arbeitsleistung auch im privaten Bereich und das akzeptieren der Grundregel: "Am Abend muss mehr eingenommen sein als wir ausgeben", werden stabile finanzielle Verhältnisse möglich. Wachstum, welches nur auf "Pumps" also geliehene Geld ohne Substanz aufbaut, hat nur eine begrenzte Lebensdauer. Die Einstellung zum Begriff Arbeit hat sich zu sehr nach geldlichen Maßstäben gerichtet, man könnte es auch als Gier bezeichnen. Jede Form von Arbeit verdient Anerkennung, auch wenn es nicht die hohen Gewinne erbringt. Wenn man sich für andere einsetzt, wird man schnell fest stellen, dass man selbst auch glücklicher ist.
Personelle und strukturelle Veränderungen sind häufig schmerzlich für den Betroffenen und doch haben zahlreiche Institutionen die Krise genutzt, sich neu aufzustellen. Die Schelte über einige "Topmanager" sollte nicht dazu führen, dass wir die Gruppe der Unternehmer generell verurteilen. Ich kenne zahlreiche Firmeninhaber, die über längere Zeiträume vorhandene Gewinne immer wieder ins Unternehmen stecken und persönlich mit ihrem gesamten Vermögen für Bankdarlehen haften. Neben den strukturellen und finanziellen Voraussetzungen muss auch das Produkt stimmen, sei es eine anspruchsvolle Dienstleistung( Kultur, Sport Unterhaltung etc.) oder ein anfassbares Produkt. Die Öffentlichkeit muss auch verstehen, dass eventuelle Gewinne in die Mitarbeiter, in neue Produkte, Marketing und Vertrieb und Produktionsverfahren investiert werden müssen um die Zukunft abzusichern. Insofern ist Gewinn nichts Negatives. Notwendig ist auch die Akzeptanz der Erkenntnis, dass eine gute Zusammenarbeit aller am Prozess Beteiligten notwendig ist.
Auch im Marienstift stehen wir vor ähnlichen Aufgaben. Nur über die Qualität ( Leistung, Zusammenarbeit, christliche und soziale Betreuung) unserer Arbeit im sozialen, medizinischen und verwaltungstechnischen Bereich werden wir diese für viele Bürger in unserer Region wichtige Einrichtung erhalten. Jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter kann durch intensive Mitarbeit dazu beitragen, dass der eingeschlagene Weg erfolgreich festgesetzt wird.



