20.12.09 11:50 Alter: 260 days
Weihnachtsfest mit oder ohne Bedeutung?!
Kategorie: Kommentare

Über die Bedetung des Weihanchtsfestes hat Landesbischof i.R. Prof.Dr.Gerhard Müller einen Artikel verfasst, der auch in der neuesten Ausgabe des "doppelpunktes" veröffentlicht worden ist.

Weihnachfest mit oder ohne Bedeutung?!

Von Landesbischof i. R. Prof. Dr. Gerhard Müller 

Woran erinnern wir uns an Weihnachten?

Für viele von uns ist die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest ganz wichtig. Das beginnt mit der Überlegung, wie wir denen, die wir lieben, eine Freude bereiten können, und es endet mit dem Nachsinnen über das, was vor mehr als 2000 Jahren geschah. Dafür benötigen wir Stille und Muße – was aber gerade in diesen Wochen schwer zu erreichen ist. Zugleich beschäftigen uns Erinnerungen an frühere Tage, an unsere Kindheit, in der wir uns zufrieden fühlten und behütet. Damals war Weihnachten ein Höhepunkt. Unsere Welt war heil und kam uns unerschütterlich vor. Mochte es auch bescheiden zugehen – die Tage vor dem Fest und das Fest selber hatten ein besonderes Gesicht und Gewicht. Für die meisten unter uns dürfte auch der Kirchgang dazugehört haben. Manche Lieder kommen uns in den Sinn, Kinder- und Kirchenlieder. Aber besaß das Weihnachtsfest Einfluß auf unser Leben während der kommenden Wochen? Oder holte uns der Alltag allzu schnell wieder ein?

Sicher wäre es schön, wenn auch heute dieses Fest die Familienbande stärkte. Denn durch unsere Mobilität sind diese Bande häufig dünn oder gar rissig geworden. Dann ist es gut, mit denen zusammenzutreffen, mit denen wir früher unseren Alltag geteilt hatten. Allerdings ist es ratsam, diese Begegnungen nicht zu überlasten. Denn wer sich lange nicht gesehen hat, der sollte behutsam miteinander umgehen. Wir verändern uns bekanntlich rasch und unterscheiden uns in Temperament und Veranlagung. Wenn Weihnachten aber nur als Familienfest Bedeutung hätte, wäre es schade. Denn die Zeit ist seit unserer Kindheit anders geworden. Eine Rückkehr in frühere Welten ist uns verwehrt. Weihnachten sollte deswegen nicht nur von unseren Gefühlen und Wünschen her einen Sinn bekommen. Vielmehr wollen wir, die Leser des „doppelpunktes“, überlegen, was uns eigentlich zugesprochen wird in der „geweihten Nacht“.

Fürchtet euch nicht!

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass in der Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas von Maria, der Mutter Jesu, kein gesprochenes Wort zu hören ist? Von Josef ebenfalls kein Ton! Nur die Hirten, zu denen etwas gesagt worden war, erklären: Wir wollen einmal sehen, was an dieser Geschichte dran ist, von der uns berichtet wurde! (Lukas 2, 15) Ein Engel hatte sich ihnen zugewandt mit den Worten: „Fürchtet euch nicht! ... Denn euch ist heute der Heiland geboren.“ (Lukas 2, 10 bis 11) Das ist auch heute ein hilfreicher Zuspruch. Denn wir Menschen sind von Natur aus furchtsam, um unser Überleben zu sichern. Wir sorgen mindestens für den heutigen Tag, nach Möglichkeit auch darüber hinaus, um unsere Existenz nicht zu gefährden. Dieser Engel – wie immer wir ihn uns vorstellen mögen – hat eine gute Nachricht: Der Heiland ist da! Denn alle Menschen suchen Heilung. Wir kontrollieren unsere Ernährung, unsere Kräfte, unseren Körper und versuchen, das Beste für uns herauszuholen. Einen, der wirklich zu heilen versteht, den können wir brauchen! Wir sind dann nicht mehr gezwungen, von einem Arzt zum nächsten spezialisierten Mediziner zu rennen. Kann uns an Weihnachten Furcht genommen und Heilung zuteil werden? Die Heilige Schrift sagt:  Ja!  Denn der hier als wahrer Mensch geboren worden ist, ist der Sohn des lebendigen Gottes, der uns durch ihn heilen will. Hilfe soll uns hier zuteil werden, die nicht vergeht! Das ist schwer zu verstehen. Deswegen hat Martin Luther geraten, sich mit dem Kind in der Krippe zu befassen – das verstehen wir, was das heißt! Und eben dieses Kind ist der Bote Gottes, sein Sohn, der unser Schicksal teilt. Er hat deswegen auch Leid, Verfolgung und einen qualvollen Tod auf sich genommen. All dies Menschliche ist ihm nicht fremd. Deswegen kann unsere natürliche Furcht ein Ende haben: ER begleitet uns nämlich durch alle Höhen und Tiefen unseres Lebens.

Ehre sei Gott in der Höhe!

Ein ganzer Chor von Engeln soll diesen Lobgesang angestimmt haben. Das ist nicht mehr unser normaler Stil. Oder wer singt – außer im Gottesdienst – „Ehre sei Gott in der Höhe“? Viele Menschen halten Gott sowieso für ein menschliches Hirngespinst oder für einen Versager, der dann nicht eingreift, wenn er – nach unserem Urteil – hätte helfen müssen. Und der soll gelobt werden? Nicht mit mir! Aber wir benötigen doch Vorbilder, zu denen wir aufblicken können! Viele Leute finden Vorbilder in Stars, die sie bewundern und verehren, für die sie sich einsetzen. Aber die Stars von heute sind häufig rasch vergessen und werden von neuen abgelöst. Kann Gott ein „Vorbild“ sein, zu dem wir aufblicken? Eine Umfrage unter unseren Zeitgenossen würde wohl ergeben, dass das Lob Gottes für viele out sei – es passe nicht in unsere Zeit. Aber wahrscheinlich ist dies gerade unser Problem. Wer nicht fähig ist, Gott anzuerkennen, weil er Angst hat, dadurch selber klein zu werden, wer nicht die Grenzen menschlichen Lebens erfaßt und Gott nicht respektiert als den, der das Weltall erhält – „in seinen Händen hält“, sagte man früher –, der tut sich schwer oder macht es sich sogar unmöglich, Gott zu ehren und zu preisen. Dabei ermöglicht allein das Gotteslob das, was wir auf Dauer alle ersehnen:

Friede auf Erden!

Zum Lobpreis Gottes tritt diese Zusage hinzu: Endlich soll Schluß sein mit den Kriegen, die durch die Zeiten hindurch so viel Leid hervorgerufen haben. In unserem Land leben wir schon seit über 60 Jahren ohne Krieg – eine sehr lange Zeit, gemessen an den Ereignissen in früheren Jahrhunderten. Aber wir sehen in vielen anderen Ländern unserer Erde Menschen, die unter Krieg, Verfolgung und Terror leiden. Die Verwirklichung von Frieden dürfte ihre dringlichste Sehnsucht sein. Und Friede meint ja mehr als Abwesenheit von Krieg. Friede bedeutet ein ungefährdetes Miteinander, in dem die Angst vor dem Nächsten oder jedenfalls die Abneigung gegen ihn abgelöst wurde von Liebe, von der Nächstenliebe. Durch Gottes Zusage kann auch heute Friede werden – neu und dauerhaft.

Ein neues Christfest liegt vor uns.

Die Weihnachtstage geben uns die Möglichkeit darüber nachzusinnen, was denn anders wäre, wenn wir eine neue Stellung zu unserem Leben, zu Gott und den Menschen einnehmen. Wir könnten erkennen, dass wir nicht innerlich gebückt oder gekrümmt herumlaufen müssen, sondern befreit und aufrecht, ohne Furcht und Angst. Wir könnten hoffnungsvoll auf den Heilenden, den Heiland, schauen, der unsere Seele von Lasten befreit, indem er uns erlaubt, sie bei ihm abzuladen. Wir könnten neue Prioritäten setzen: nicht vergängliche Erfolge oder Genüsse stehen im Vordergrund, sondern die Anerkennung Gottes, der es uns erlaubt, dass wir uns ihm nähern mit Gebet und Lobgesang. Friede könnte sich ausbreiten und ansteckend wirken durch die Freundlichkeit, mit der wir anderen ohne Vorbehalte begegnen. Das diesjährige Weihnachtsfest würde dadurch zu einem Christfest, denn wir feiern die Geburt des Jesus von Nazareth, des Christus, des von Gott Gesandten.