Als Referentin am „Tag der Pflegewissenschaften“ des Marienstiftes war die Leiterin der Psychoonkologie in St. Gallen, Dr. Monika Renz, aus der Schweiz nach Braunschweig gekommen. Schon in der Begrüßung stellte die Oberin des Marienstiftes, Angela Tiemann, die Frage: „Was ist gutes Sterben?“ Es gebe wohl keinen größeren Akt der Menschlichkeit, als einem Menschen zu helfen, gut zu sterben.
„Kein einfaches Sterben“
Monika Renz nahm die Frage nach dem guten Sterben auf: „Wer beurteilt eigentlich, was gutes Sterben ist?“ Sei es der plötzliche Tod nach einem Unfall oder einem Herzinfarkt? Oder eher das langsame Sterben? Sei es das verdrängte oder das bewusst erlebte Sterben? Sei es die Hoffnung bis zum letzten Augenblick, die dann aber vielleicht keine Vorsorge und keinen bewussten Abschied mehr ermögliche? Sei es das möglichst schmerzfreie, dafür aber sezierte oder das auf Wunsch weniger medikamentös begleitete Sterben nach dem Motto: „Ich möchte dabei sein, wenn es geschieht“?
Für die Referentin ist Sterben immer Zumutung und Erlösung zugleich! Es bleibe immer etwas offen. Sterben sei ein Bruch.
„Ernte der Evolution“
Monika Renz hat in den vergangenen Jahren über 600 an Krebs erkrankte Sterbende begleitet. Es gab eine gespannte Aufmerksamkeit unter den Zuhörenden im Wilhelm-Löhe-Saal des Marienstiftes, als sie von ihren einzelnen Erfahrungen berichtete. Und „das Sterben heißt auch, einen heiligen Raum zu betreten. Was bleibt über mich hinaus?“ Es sei die Frage nach Sinn und Würde des Menschen, die der Tod nicht nehmen kann.
Frau Renz erzählte von einer Sterbenden, die von sich sagte: „Ich bin eine Nichts; mich würde man jetzt umbringen!“ Sie ermutigte die anwesenden Begleiter von Sterbenden: „Wo Menschen mit Grenzen kommen und menschenwürdig begleitet werden, gibt es eine Öffnung in die Transzendenz. Es öffnet sich ein Horizont für Gott“.
Und könnten Gottes Fragen am Ende eines Lebens vielleicht lauten sein:
„Weißt du, was Wasser ist? Weißt du, was Musik ist? Weißt du, was Bruder sein bedeutet? Was bewegt sich in deinem Herzen, wenn du deine Tochter siehst?“ Gott schenke uns ein Leben, so Frau Renz weiter, „dass wir kosten, fühlen, tanzen, lachen und weinen sollen und alles in die Ernte der Evolution einbringen können.“
„Sterben in Gemeinschaft“
Sterben sei ein Bruch und könne nicht nur gut sein. Selbst ein „von den Leiden erlöstes Sterben“ hinterlasse oft Wut, Angst oder Hadern. Sterben habe aber auch eine Gemeinschaftsdimension: In Leidenszeiten sei die Familie bereit, sich zu verändern, zu bewegen. Reifungsprozesse und Versöhnung seien jetzt vielleicht möglich. Ein entlassendes Sterben („Du darfst gehen!“) könne wachsen. Und es bleibe das Gefühl in der Familie oder unter Freunden: „Wir stehen zusammen!“
„Vom Ich zum Du“
Was aber geschieht in der Innenwelt der Sterbenden? Verweisend auf ihre Bücher „Grenzerfahrung Gott“ und „Zeugnisse Sterbender“ erläuterte Monika Renz ihr durch die Sterbebegleitungen gewonnenes Menschenbild:
Der Mensch lebe in zweierlei Zuständen. Es gebe den „Zustand des Bezogenseins“, das mit dem Geborenwerden und der Persönlichkeitsentwicklung immer mehr in den „Zustand des Ich“, der Selbstwahrnehmung, übergehe. Im Sterben dann verliere sich der „Zustand des Ich“ mehr und mehr und gehe wieder über in die „Erfahrung von Bezogensein“.
Sterbende würden in eine transzendente Beziehung hineingehen. So beschrieb die Referentin Sterben als einen „Übergang“: Es gebe ein „Davor“ – ein „Hindurch“ – und ein „Danach“. „Davor“, vor dem Übergang zum Einswerden, zum Bezogensein, stehe oft ein diffuses Gefühl der Verzweiflung. Ein Abgeschnittensein von aller Welt, von einem Du, von der eigenen Seele. Hier könne menschenwürdige Begleitung, geschenkte Nähe, Schwingung von Musik durch das „Hindurch“ helfen. Denn im „Danach“ würden Sterbende Frieden finden. Monika Renz: „Im Sterben geht es um ein Überschreiten einer inneren Bewusstseinsschwelle. Menschliche Nähe kann dabei helfen.“
„Vom Ich zum Ich“
Menschen würden in einem Urzustand menschlicher Teilhabe geboren.
Mit der Ich-Werdung geschehe Abschied, Paradiesverlust. Vor dem Sterben gebe es Zustände, in denen das Ich sich noch spüre, aber keine äußeren Strukturen des Lebens mehr wahrnehmen könne. Es komme zur „Gegenübererfahrung“: „Es gibt noch etwas außerhalb von mir, Jenseitiges. Diese Gegenübererfahrung wird körperlich erlebt. Jucken, Ekel, Panik, Angst vor dem ungreifbaren Gegenüber kann erlebt werden.“ Hier brauche es hörende und sehende Begleitung, die ausspreche, was wahrgenommen werde.
Überraschenderweise reagierten scheinbar verstummte Sterbende oft, „wenn die Sprache ins Schwarze ihrer Empfindungen trifft.“ Und Begleitende könnten dem nebulösen Gegenüber Sterbender ein neues Gesicht geben: „Das Gegenüber, das Sie sehen, macht Ihnen Angst, aber sehen Sie genau hin: Der Gott, der Sie erwartet, hat einen barmherzigen Blick.“
„Der Faktor Liebe“
Spirituelle Erfahrungen haben für Monika Renz „Geschenkcharakter“. Niemand könne sie forcieren oder beeinflussen. Spiritualität sei eine Erfahrung, sie geschehe an der Grenze des Ich´s, sie sei ein Beziehungsgeschehen, das frei mache und gleichzeitig an ein Gegenüber binde. Sie sei sowohl ein Gnadengeschehen als auch ein energetisches Geschehen.
In dem Projekt „Grenzerfahrung Gott“ hat Monika Renz 251 Sterbende betreut. 135 von ihnen gaben an, eine spirituelle Erfahrung gemacht zu haben. Folgende Wirkungen gab es:
„Verändertes Erleben der Gegenwart“ (135), „Weniger Schmerzen“ (71), „Weniger Unwohlsein“ (20), „Veränderte Beziehungen zu Leben und Sterben“ (71).
Dennoch bezeichnet die Referentin Spiritualität als eine Art „Wackelkontakt“: Mal sei Gott spürbar und dann auch wieder nicht. Monika Renz: „Hoffend, suchend und fragend und auch zweifelnd bleiben wir offen für die Begegnung mit Gott.“
Das Geschenk der spirituellen Erfahrung Gottes bekämen Menschen jedoch oft nach dem Erleben menschlicher Liebe. Ein Cello-Spieler beispielsweise, der seiner sterbenden Frau Musik vorspielt, zeige sein existentielles Mit-Sein. Irgendwann sei das Cello-Spiel wie von Gott gespielt. Die Frau könne später sagen: „ER war da!“
„Hilfe für Helfer“
Und was helfe den Helfern? Distanz und Nähe, Hingabe und Abgrenzung? Dr. Daniel Bücher wurde zitiert: „Wir Professionellen haben vergessen, zu lieben, betroffen zu sein.“ Monika Renz gab folgenden Rat: „Höre in dich hinein, was heute möglich ist!“
Und sie selbst beschrieb, was ihr bislang geholfen habe:
- die Hoffnung und eine Treue im Dranbleiben,
- Auszeiten und Freiräume,
- Erlaubtes Menschsein,
- Authentizität;
- Begegnung.
Die promovierte Monika Renz ist Philosophin und Theologin, aber auch Musiktherapeutin. Mit einfachen Instrumenten lud sie die Teilnehmer zu Hörübungen ein. Lebendigem Rhythmus stellte sie den schwingenden Klang etwa eines Gongs gegenüber. Das Leben klinge aus. Und am Ende des Lebens seien weniger „zeitmessende“ Rhythmen, sondern mehr „raumgebende“, einfache Klänge gefragt. Wörtlich fügte sei hinzu: „Manchmal erreichen wir Sterbende weniger durch Worte, sondern eher durch schwingende Klänge. Auch der schwingende Klang kann aus dem Tod als einem nebulösen Gegenüber die spirituelle Erfahrung des erwartenden Gottes machen.“
Be-wegt dankte Angela Tiemann der Referentin. Und viele Teilnehmer werden das spirituelle Echo auf ihre Ausführungen noch lange in sich verspüren.
Heidrun Schäfer, Seelsorgerin des Marienstiftes




